Rezension "Storchie - Der Zauberring" (Uwe Fröhlich, SAT1, Sep/10)

Nach sprechenden Drachen, Enten, Bienen und Samsen haben wir es im vorliegenden Fall nun mit einem Storch zu tun.
Hat uns der noch gefehlt?

Die heitere Geschichte startet in der realen Welt (wenn man in Kauf nimmt, dass ein sprechender Storch real ist) mit einer Eröffungszeremonie. Alina und Storchie befinden sich am Strand, wobei letzterer allerlei Verwirrung stiftet und damit für Komik sorgt.
Über Umwege gelangen sie auf eine Insel, auf der sie dem gefährlichen Schwarzen Ritter begegnen. Dieser hat die Burg des Insel-Königreiches übernommen und dranglasiert die Inselbewohner. Eine Fee bittet Alina und Storchie aus diesem Grund um Hilfe, und Storchie lässt sich nicht lange bitten.
Alina und Storchie erhalten von der Fee einen Zauberring, der seinen Träger unsichtbar macht. Mit Hilfe dieses Rings gelingt es ihnen, den Schwarzen Ritter nach einigen Abenteuern zu besiegen und die Burg wieder den ursprünglichen Besitzern, dem Königspaar, zu übergeben.

Der Storch besteht seine Abenteuer mit einem Mädchen - oder umgekehrt. Es bieten sich zwei Identifikationsfiguren an, wobei sich die Leserin zunächst der Figur der Alina annimmt, die sich sehr wohl an die von der Erziehung gesteckten Grenzen hält. Sie wird gegenüber Storchie sogar oft selbst zur Erziehungs- und Autoritätsperson - wie einem kleinen Bruder gegenüber. Derjenige, der die Grenzen überschreitet, ist Storchie. Dies tut er aus dem Motiv der eigenen Impulsivität und Naivität vor allem immer dann, wenn er oder jemand anderer ungerecht behandelt wird. Dadurch wird sein Handeln verständlich, nachvollziehbar und entschuldbar. Dass er dabei sich und Alina in Schwierigkeiten bringt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Storchie bildet den Träger über die durch Erziehung gesteckten Grenzen bzw. Trau-Dich-Grenze für das Mädchen. Storchie vollendet das, was Kinder sich aufgrund von vor allem ungerechtfertigten Autoritäten nicht trauen. In diesen Momenten wünscht die Leserin, so mutig zu sein wie Storchie.

Im Gegensatz zu Pippi Langstrumpf, bei der ähnliche Identifikationsstrukturen anzutreffen sind, verfügt Storchie - von seiner Sprechkunst abgesehen - allerdings nicht über übernatürliche Kräfte. Er stemmt keine Pferde in die Luft, klettert nicht auf Dächer und wendet keine körperliche Gewalt an.
Storchie entwaffnet seine Gegner durch Worte. Doch selbst hier vergisst er seinen Erziehungsauftrag nicht und erklärt noch im Augenblick größter Gefahr, dass man nicht mit fremden Leuten mitgehen darf, was Räuber bzw. Ritter zur Weißglut treibt.
Die Situationen enden oft in einer Groteske, die der modernen Fernsehlandschaft Rechnung tragen, wenn sie ihren Wortwitz ebenfalls über groteske Dialoge transportieren.

Das eigentliche Abenteuer beginnt in Form einer narrativen Klammer, die mit der Schlussszene in Korrespondenz steht.
Im vorliegenden Buch tauchen Alina und Storchie auf diese Weise in eine Märchenwelt ein, die den typischen Topos für Kinderbücher bildet. Es finden sich ein Zauberwald, eine Fee und jede Menge Räuber und Ritter. Das Schloss des bösen Chef-Ritters steht dabei im Hintergrund auf einem Berg und wacht mit stiller Dominanz und Bedrohung. Es versteht sich von selbst, dass dieser Ort für das Finale prädestiniert ist. 

Im Buch erfolgt die Verknüpfung von Real- und Märchenwelt durch den Zauberwald, der als Schleuse für den Übergang auf die verschiedenen Ebenen dient. Dabei fließen durch Alina und vor allem durch Storchie stets Gegebenheiten der Realwelt in die Phantasiewelt ein. Dass es dadurch zu Verwirrungen kommt, liegt auf der Hand. Man fühlt sich an Laurel und Hardy erinnert, wobei Storchie die Rolle des Laurels übernimmt. Diese stets heitere Grundnote der Geschichte lässt die eigentliche Bedrohung durch den Schwarzen Ritter in den Hintergrund rücken. Das Buch ist fröhlich und optimistisch, zusammen mit Storchie schaffen wir schließlich alles. Trotz seiner (gespielten?) Naivität hat Storchie durch seine Bauernschläue alles im Griff.

Zum Ende des Buches verschmelzen nach dem Happy End schließlich die Real- und die Märchenwelt zu einer einzigen Ebene zusammen. Und dennoch bleibt letztlich ein Rätsel übrig, dessen Lösung der Leserphantasie überlassen bleibt.

Wie so oft in diesen Geschichten siegt der kleine Gute über den großen Bösen, so auch hier. Storchie ist David, der Schwarze Ritter ist Goliath. Kennzeichnung finden die beiden Seiten in der bekannten Farbwahl weiß ("Ich bin der Weiße Storch") und schwarz ("Der Schwarze Ritter") zur klaren Gegenüberstellung von Gut und Böse.

Storchie verdeutlicht, dass die Kleinen nicht zu unterschätzen sind, und dass sie sich gerade aufgrund Ihrer Cleverness sehr wohl zu wehren wissen. Diese Essenz ist nicht besonders neu, doch auf unterhaltsame und amüsante Art und Weise vorgetragen. Werden doch Wortschöpfungen wie "Kuhu" (eine Mischung aus Kuh und Uhu) eingebaut oder Sprichwörter völlig verdreht. Zudem werden Situationen von Storchie derart überzogen, dass den Erwachsenen in der Geschichte das Geschehen immer wieder und unfreiwillig ihrer Kontrolle entgleitet. Für Kinderbücher ein gutes Rezept, denn Kinder müssen über so etwas lachen.

Hat uns Storchie also noch gefehlt?
Storchie ist ohne Zweifel eine Bereicherung für das Kinderzimmer. Er ist frech und erfrischend. Wer genug hat von Pferdeabenteuern, für den ist dieses Buch die richtige Wahl. Für erwachsene Vorleser findet sich neben dem kindlichen Klamauk auch subtiler Humor.
Im literarischen Quartett wird dieses Buch natürlich keinen Platz finden, Marcel Reich-Ranicki würde es wie ein Telefonbuch zu zerreißen versuchen.
Aber wahrscheinlich würde ihm Storchie dabei in den Finger beißen.

Storchie hat uns also gerade noch gefehlt!


 
 
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